Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen (Wittgenstein)

Mit diesem Satz endet Wittgensteins Tractatus, ein philosophisches Buch, das in diesem Seminar im close reading gelesen wird. Die dabei leitende Frage ist, ob Übertragungen möglich sind, z.B. wie das Schweigen sich zur Bildproduktion und zur Musik verhält? Die Rezeption Wittgensteins in den Künsten werden wir uns dazu erarbeiten.
Wittgensteins Tractatus erschien 1921. Er diskutiert das Verhältnis von Sprache, Denken, Bild, Musik, indem der Philosophie und Naturwissenschaft klare Funktionen zugewiesen werden bei der “Erklärung” der Welt und der Bestimmung der Grenzen des Erklärbaren. Mit dem Tractatus wurde der linguistic turn des 20. Jahrhunderts profiliert und so werden Abhängigkeiten zwischen Denken, Sprechen und Bildproduktion diskutierbar.

06_obama-mic-drop

President Obama Drops Microphone on Floor at White House Correspondents’ Dinner 2016, Quelle

Einstieg

Symposion I am 11.11.2016, 9.30h-18.30h Kaskade outside the Aktionsraum Toni-Areal, ZHdK, Sensory Hacking

Duchamp im Besitz von Rauschenberg
Damien Hirst

Symposion II vom 11.11-12.11. 2016, A Symposium by Art.School.Differences,  Toni Areal, ZHdK,  Zürich on 11 & 12. November 2016 Times: FRI 14-21.15h; SAT 9-18.15h, Hinweis von Rubén Gaztambide-Fernández:

Marcha por la Educación Pública, Huelga UPR.mov

 Aufgabe
Erwirb ein Paket mit 100 oder 500 Blatt DinA4 –Papier. Zu jeder Sitzung bereitest Du mindestens 7 Seiten vor, in denen Du in Bild, Text oder anderweitigen Zeichenformen Dich auf Wittgensteins Tractatus und relevanten künstlerischen Arbeitsweisen beziehst. Bis Anfang Dezember bearbeitest Du 80 Blätter.  Bei der Bearbeitung berücksichtigst Du die Option, die  Blätter in einer Bibliothek auszustellen. Es besteht die Möglichkeit, dass Du eine alternative Aufgabenstellung formulierst. Diese sendest Du bis Dienstag mittag per Mail.

Hinweis

Symposion I am 11.11.2016, 9.30h-18.30h Kaskade outside the Aktionsraum Toni-Areal, ZHdK, Sensory Hacking http://creativeeconomies.zhdk.ch/files/11.11.2016_symposium_sensory-hacking.pdf

Symposion II vom 11.11-12.11. 2016, A Symposium by Art.School.Differences,  Toni Areal, ZHdK,  Zürich on 11 & 12. November 2016 Times: FRI 14-21.15h; SAT 9-18.15h

Input: http://gutenberg.spiegel.de/buch/ein-brief-997/1
Hofmannsthal, Hugo: „Ein Brief”  In: Sämtliche Werke XXXI. Frankfurt/M.: S. Fischer, 1991 (EA Der Tag  Berlin 1902)
Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.
Um mich kurz zu fassen: Mir erschien damals in einer Art von andauernder Trunkenheit das ganze Dasein als eine große Einheit: geistige und körperliche Welt schien mir keinen Gegensatz zu bilden, ebensowenig höfisches und tierisches Wesen, Kunst und Unkunst, Einsamkeit und Gesellschaft; in allem fühlte ich Natur, in den Verirrungen des Wahnsinns ebensowohl wie in den äußersten Verfeinerungen eines spanischen Zeremoniells; in den Tölpelhaftigkeiten junger Bauern nicht minder als in den süßesten Allegorien; und in aller Natur fühlte ich mich selber; wenn ich auf meiner Jagdhütte die schäumende laue Milch in mich hineintrank, die ein struppiges Mensch einer schönen sanftäugigen Kuh aus dem strotzenden Euter in einen Holzeimer niedermolk, so war mir das nichts anderes, als wenn ich, in der dem Fenster eingebauten Bank meines studio sitzend, aus einem Folianten süße und schäumende Nahrung des Geistes in mich sog.
Das eine war wie das andere; keines gab dem andern weder an traumhafter überirdischer Natur, noch an leiblicher Gewalt nach, und so gings fort durch die ganze Breite des Lebens, rechter und linker Hand; überall war ich mitten drinnen, wurde nie ein Scheinhaftes gewahr: Oder es ahnte mir, alles wäre Gleichnis und jede Kreatur ein Schlüssel der anderen, und ich fühlte mich wohl den, der im Stande wäre, eine nach der andern bei der Krone zu packen und mit ihr so viele der andern aufzusperren, als sie aufsperren könnte. Soweit erklärt sich der Titel, den ich jenem enzyklopädischen Buch zu geben gedachte.
Es möchte dem, der solchen Gesinnungen zugänglich ist, als der wohlangelegte Plan einer göttlichen Vorsehung erscheinen, daß mein Geist aus einer so aufgeschwollenen Anmaßung in dieses Äußerste von Kleinmuth und Kraftlosigkeit zusammensinken mußte, welches nun die bleibende Verfassung meines Inneren ist. Aber dergleichen religiöse Auffassungen haben keine Kraft über mich; sie gehören zu den Spinnennetzen, durch welche meine Gedanken durchschießen, hinaus ins Leere, während so viele ihrer Gefährten dort hangen bleiben und zu einer Ruhe kommen. Mir haben sich die Geheimnisse des Glaubens zu einer erhabenen Allegorie verdichtet, die über den Feldern meines Lebens steht wie ein leuchtender Regenbogen, in einer stetigen Ferne, immer bereit, zurückzuweichen, wenn ich mir einfallen ließe, hinzueilen und mich in den Saum meines Mantels hüllen zu wollen.
Aber, mein verehrter Freund, auch die irdischen Begriffe entziehen sich mir in der gleichen Weise. Wie soll ich es versuchen, Ihnen diese seltsamen geistigen Qualen zu schildern, dies Emporschnellen der Fruchtzweige über meinen ausgereckten Händen, dies Zurückweichen des murmelnden Wassers vor meinen dürstenden Lippen?
Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.
Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen. Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper« nur auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.
Es begegnete mir, daß ich meiner vierjährigen Tochter Catarina Pompilia eine kindische Lüge, deren sie sich schuldig gemacht hatte, verweisen und sie auf die Notwendigkeit, immer wahr zu sein, hinführen wollte, und dabei die mir im Munde zuströmenden Begriffe plötzlich eine solche schillernde Färbung annahmen und so ineinander überflossen, daß ich, den Satz, so gut es ging, zu Ende haspelnd, so wie wenn mir unwohl geworden wäre und auch tatsächlich bleich im Gesicht und mit einem heftigen Druck auf der Stirn, das Kind allein ließ, die Tür hinter mir zuschlug und mich erst zu Pferde, auf der einsamen Hutweide einen guten Galopp nehmend, wieder einigermaßen herstellte.
Allmählich aber breitete sich diese Anfechtung aus wie ein um sich fressender Rost. Es wurden mir auch im familiären und hausbackenen Gespräch alle die Urtheile, die leichthin und mit schlafwandelnder Sicherheit abgegeben zu werden pflegen, so bedenklich, daß ich aufhören mußte, an solchen Gesprächen irgend teilzunehmen.
Mit einem unerklärlichen Zorn, den ich nur mit Mühe notdürftig verbarg, erfüllte es mich, dergleichen zu hören wie: diese Sache ist für den oder jenen gut oder schlecht ausgegangen; Sheriff N. ist ein böser, Prediger T. ein guter Mensch; Pächter M. ist zu bedauern, seine Söhne sind Verschwender; ein anderer ist zu beneiden, weil seine Töchter haushälterisch sind; eine Familie kommt in die Höhe, eine andere ist am Hinabsinken. Dies alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich. Mein Geist zwang mich, alle Dinge, die in einem solchen Gespräch vorkamen, in einer unheimlichen Nähe zu sehen: so wie ich einmal in einem Vergößerungsglas ein Stück von der Haut meines kleinen Fingers gesehen hatte, das einem Blachfeld mit Furchen und Höhlen glich, so ging es mir nun mit den Menschen und Handlungen.
Es gelang mir nicht mehr, sie mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich; sie gerannen zu Augen die mich anstarrten und in die ich wieder hineinstarren muß: Wirbel sind sie, in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt.
Ich machte einen Versuch, mich aus diesem Zustand in die geistige Welt der Alten hinüberzuretten. Platon vermied ich, denn mir graute vor der Gefährlichkeit seines bildlichen Fluges. Am meisten gedachte ich mich an Seneca und Cicero zu halten. An dieser Harmonie begrenzter und geordneter Begriffe hoffte ich zu gesunden. Aber ich konnte nicht zu ihnen hinüber. Diese Begriffe, ich verstand sie wohl: ich sah ihr wundervolles Verhältnisspiel vor mir aufsteigen wie herrliche Wasserkünste, die mit goldenen Bällen spielen. Ich konnte sie umschweben und sehen wie sie zueinander spielten; aber sie hatten es nur miteinander zu tun und das Tiefste, das persönliche meines Denkens blieb von ihrem Reigen ausgeschlossen. Es überkam mich unter ihnen das Gefühl furchtbarer Einsamkeit; mir war zumuth wie einem, der in einem Garten mit lauter augenlosen Statuen eingesperrt wäre; ich flüchtete wieder ins Freie.
Seither führe ich ein Dasein, das Sie, fürchte ich, kaum begreifen können, so geistlos, ja gedankenlos fließt es dahin; ein Dasein, das sich freilich von dem meiner Nachbarn, meiner Verwandten und der meisten landbesitzenden Edelleute dieses Königreiches kaum unterscheidet, und das nicht ganz ohne freudige und belebende Augenblicke ist. Es wird mir nicht leicht, Ihnen anzudeuten, worin diese guten Augenblicke bestehen; die Worte lassen mich wiederum im Stich. Denn es ist ja etwas völlig Unbenanntes, und auch wohl kaum Benennbares, das in solchen Augenblicken, irgendeine Erscheinung meiner alltäglichen Umgebung mit einer überschwellenden Flut höheren Leben wie ein Gefäß erfüllend, mir sich ankündet.

Ziel am 24.10.: Wahrheitsfunktion verstehen, Tetens, S. 51:
„Wahrheitsfunktion bedeutet: Wann ein solcher komplexer Satz wahr und wann er falsch ist, hängt ausschliesslich von der Wahrheit und Falschheit der Sätze ab, aus denen er zusammengesetzt ist.

Kunstwerk
: DJ-Spinoza?
: Beuys Ja, Ja.
Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee«

In einem Stapel aus 20 Filzplatten liegt eine Tonbandspule, auf welcher Beuys zusammen mit Hennig Christiansen und Johannes Stüttgen einen endlosen Monolog spricht: »Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee«. Diese im rheinischen Dialekt vertraute Äußerung für alles und nichts wird hier in ihrer Reinform zum ironischen Sinnbild der unaufhebbaren Dialektik des alltäglichen Lebens. Die – streng
logisch gesehen – sinnentleerte Ambivalenz von Ja/Nein ist als menschliche Äußerung dennoch die genaue Beschreibung einer Gemütslage.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

 

Login

Recover password